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19.10.2021

Gedenken an den Beginn der Deportationen von Juden

Die Moses Mendelssohn Stiftung als Gesellschafterin der GBI-Unternehmensgruppe engagiert sich für gemeinnützige Bauprojekte, die der deutsch-jüdischen Verständigung dienen. Vor diesem Hintergrund wird in Sichtweite des Mahnmals Gleis 17 am Bahnhof Grunewald ein Campus für Gedenken, Forschung und studentisches Wohnen entstehen. Anlässlich des jährlich am 18. Oktober abgehaltenen Gedenktages zum Beginn der Deportation der jüdischen Bevölkerung gedachte Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier am Gleis 17 der Opfer. In seiner Rede unterstrich er die Bedeutung dieses Standortes.


Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Ansprache

Wir sind an einem besonderen Ort zusammengekommen: Bahnhof Berlin-Grunewald, Gleis 17 – das hört sich doch so unscheinbar, so nebensächlich, so alltäglich und schnell wieder zu vergessen an.

Und tatsächlich. Nur wer weiß, welche Geschichte sich hinter dieser verkehrstechnischen Ortsangabe verbirgt, welche Tragödien sich hier abgespielt haben am Gleis 17, Bahnhof Berlin-Grunewald, nur der weiß, wie keineswegs nebensächlich, sondern wie zentral dieser Ort war. Wie wesentlich er für ein abgründiges, grauenhaftes Geschehen steht, dessen wir heute gedenken.

Vor achtzig Jahren begann die Deportation der Juden aus Berlin "nach dem Osten", wie es unbestimmt und verschleiernd hieß, die Deportation der Jüdinnen und Juden, die nicht geflohen waren, die nicht hatten emigrieren können oder wollen, denen aber nun jeder Ausweg versperrt war, als ihnen die Ausreise verboten wurde. Überall im Deutschen Reich begann im Oktober 1941 die systematische Deportation der jüdischen Bevölkerung.

Manche haben es gewusst, viele geahnt und gefürchtet: Von hier aus, vom Bahnhof Grunewald, wie auch vom Anhalter Bahnhof oder vom Güterbahnhof Moabit, begann – direkt oder auf einem Umweg – der Weg in die Vernichtung, der Weg in den Tod für die Juden Berlins.

Achtzig Jahre sind eine lange Zeit, mehr als zwei Generationen – und doch berührt uns alle, die wir hier sind, dieses Geschehen immer noch ganz unmittelbar. Unter uns sind Menschen, deren Angehörige, Eltern oder Großeltern, von hier aus in den Tod transportiert wurden.

Noch immer tragen wir Deutschen an der Schuld, die Täter, Helfer, Unterstützer des planmäßigen Mordes an den europäischen Juden auf sich geladen haben. Noch immer verspüren wir die Scham darüber, dass Mitbürgerinnen und Mitbürger aus der Mitte der Gesellschaft ausgesondert wurden: schikaniert, entrechtet, enteignet – und schließlich auf die Fahrt in den Tod geschickt. An deren Ende waren sie aus Schwäche oder Hunger gestorben oder wurden erschossen oder vergast. Ihre Leiber wurden in Massengräbern verscharrt oder verbrannt. "Ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng", wie es in der "Todesfuge" Paul Celans heißt. Keine Spur sollte mehr bleiben, kein Name, keine Erinnerung.

Damit sie damit aber nicht endgültig vergessen sind, damit ihr Schicksal vielmehr erinnert wird, das Leiden und Sterben der Opfer genauso wie die Untaten der Henker und ihrer Helfer, dafür haben wir Zeiten und Orte, so wie diesen Tag heute und diesen Ort hier. Inge Deutschkron hat vor zehn Jahren angeregt, am 18. Oktober jeweils an die Deportationen zu erinnern.

Und damit wir hinter den schieren Zahlen der Deportierten und Ermordeten, die uns wegen ihrer Größe zu Recht immer wieder erschrecken, nicht unverwechselbare Lebensschicksale vergessen, ist es gut, sich immer wieder einen einzelnen Namen, ein einzelnes Leben zu vergegenwärtigen.

Auf der Einladung zu dieser Veranstaltung mit dem furchtbaren Wort "…abgeholt!" als Überschrift ist ein Foto von Sara Frieda Raphaelson, genannt Frieda, abgebildet. 1899 in Mönchengladbach geboren, eines von sechs Kindern, deren Vater ein Textilfabrikant und Musikmäzen war. Sie hatte als Schneidermeisterin in Berlin gearbeitet, sie war eine jener selbstbewussten modernen Frauen, wie man sie in den Städten der Weimarer Republik immer häufiger antreffen konnte.

Als alleinstehende Jüdin wurde sie vor genau achtzig Jahren, am 18. Oktober 1941, beim ersten Transport in das "Ghetto Litzmannstadt", polnisch Łódź, deportiert. Am Morgen des 8. Mai 1942 wurde Frieda Raphaelson mit 60 weiteren Leidensgenossen in einem geschlossenen Kastenwagen mit Abgasen getötet und in einem Massengrab im nahen Chelmno verscharrt.

Indem wir heute ganz besonders ihrer gedenken, ihres Lebensschicksals und ihres Todes, erinnern wir uns, dass alle, die hier von Gleis 17 abtransportiert worden sind – oder von Moabit oder vom Anhalter Bahnhof oder aus den anderen Orten des Deutschen Reiches und aus den von den Deutschen besetzten Ländern –, dass sie alle ein individuelles, besonderes Schicksal hatten, einen Namen. Wir erinnern uns, dass sie alle eine Heimat hatten, die sie liebten, eine Familie, dass sie alle Väter, Mütter, Partner, Geliebte, Kinder oder Enkel waren; dass sie ihre Sehnsüchte hatten und ihre Ängste, ihre Hoffnungen und ihre Träume: ein ganz eigenes, einmaliges Leben. Und dass ihnen allen das selbstverständliche Recht, dieses eigene Leben zu führen, brutal verweigert worden war.

Nur wenige Zeit nach dem ersten Deportationszug, hier aus Grunewald, wurde – nur zwei S-Bahn-Stationen entfernt von hier – in einer Villa am Wannsee der Mord an den europäischen Juden endgültig beschlossen. Die Akten der Wannsee- Konferenz, die dieses barbarische Vorhaben wie einen bürokratischen Verwaltungsakt erscheinen lassen, machen noch immer sprachlos. Es sind aber gerade diese und viele andere Akten, es sind gerade die furchtbaren bürokratischen Verfahren, die uns bis heute vermitteln, wie viele Menschen daran beteiligt waren, wie viele Menschen davon gewusst haben, wie viele Menschen mehr als nur eine Ahnung davon haben mussten, was mit den Juden geschehen sollte, die aus ihrer Mitte eliminiert wurden.

"Aus der Mitte der Gesellschaft: Ausgegrenzt, abgeholt, vernichtet",

so heißt eine sehr lehrreiche Broschüre, die Studierende aus Potsdam und Berlin mit der Moses-Mendelssohn-Stiftung erarbeitet haben. Sie liegt uns heute vor und soll bald im Schulunterricht eingesetzt werden. Einige aus dem studentischen Team sind heute hier, denen ich für ihr Engagement herzlich danke.

"Aus der Mitte der Gesellschaft": Ja, das ist die immer wieder erschütternde Tatsache. Das Verbrechen ereignete sich vor aller Augen, das Ausgrenzen und das Abholen geschah mitten im deutschen Alltag, das ist die grausame Wahrheit – wenn auch die eigentliche Ermordung und Vernichtung in den eroberten und besetzten Gebieten im Osten stattfand.

Was ein Augenzeuge aus Königsberg berichtet, gilt sicher auch für Berlin und andere deutsche Städte:

"Als schuldlos Verfemte gingen [die bepackten Juden] durch Straßen, in denen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die ehemaligen Mitbürger, Patienten, Kunden, Freunde oder Nachbarn untätig danebenstanden, zusahen oder wegsahen. Einige ganz gewiss mit bitteren Gefühlen und dem Wissen um das schlimme Unrecht und die eigene Ohnmacht. Aber an den zurückgelassenen Gütern, Häusern, Wohnungen, Möbeln, Büchern und beruflichen Vakanzen profitierte in der Regel bedenkenlos, wer Gelegenheit dazu hatte."

Wie bürokratische Genauigkeit sich mit Habgier mischte, beschreibt der Historiker Götz Aly: Jeder deportierte deutsche Jude musste im Sammellager eine Vermögenserklärung abgeben. Die Enteignungsakten einer Berliner Familie, die erhalten sind – so berichtet er –, "beginnen mit der Versiegelung der Mietwohnung, führen über die Beitreibung auch von geringsten Außenständen zur Schätzung des Inventars durch den Obergerichtsvollzieher bis hin zur Schlussabrechnung. Was an Geld übrig blieb, wurde an die Hauptkasse des Deutschen Reiches abgeführt, also zugunsten der deutschen Mehrheit sozialisiert".

Viele haben mitgemacht, viele haben das Verbrechen bürokratisch exekutiert, viele haben davon auch profitiert. Das gilt auch für die Deutsche Reichsbahn, die die Deportationen durchführte – und ich bin dankbar dafür, dass die Deutsche Bahn Teile dieser Vergangenheit beleuchten wird und uns heute drei junge Menschen, die bei der Deutschen Bahn arbeiten, von jüdischen Eisenbahnern berichten werden, die ebenfalls deportiert wurden.

Wir können in diesen Tagen der Vergangenheit nicht gedenken, ohne uns bewusst zu sein, dass unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger immer wieder und immer stärker antisemitischen Hetzreden und antisemitischen Angriffen ausgesetzt sind. Zwar ist richtig: Wir gedenken unserer ermordeten jüdischen Mitbürger zuerst um ihrer selbst willen, um ihrer eigenen Würde willen. Wir gedenken aber auch des vergangenen Unrechts, um immer wieder unseren gesellschaftlichen und politischen Willen zu stärken, dem Antisemitismus die Stirn zu bieten. Jüdinnen und Juden haben einen selbstverständlichen Platz in unserer Gesellschaft. Jüdische Kultur ist nicht nur Teil der deutschen Kultur, sie hat sie zutiefst geprägt und reich beschenkt.

An einem Tag wie heute und an einem Ort wie diesem sagen wir: Nie wieder soll ein Zug das Gleis 17 verlassen. Nie wieder nach Theresienstadt, nie wieder ins Ghetto Litzmannstadt, nie wieder nach Auschwitz. An einem Tag wie heute und an einem Ort wie hier sagen wir deshalb auch: Nie wieder darf Antisemitismus einen Platz in unserer Gesellschaft haben. Nie wieder dürfen antisemitisches Denken und Handeln ohne Widerspruch und öffentliche Reaktionen bleiben.

Ich danke Ihnen.