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08.06.2021

SMARTments student Graz, Copyright: Wolfgang Hummer

Wir arbeiten gut Hand in Hand

Professor Dr. Julius H. Schoeps ist Vorstand der Moses Mendelssohn Stiftung, die sich für die europäisch-jüdische Verständigung engagiert. Reiner Nittka ist Vorstandssprecher der GBI Holding AG, einer 100-Prozent-Tochter der Moses Mendelssohn Stiftung. Institutional Money unterhält sich mit den beiden darüber, wie sie zusammenarbeiten und wie sie aktuell den Immobilienmarkt sehen.


Köln, 08.Juni 2021 - Die Moses Mendelssohn Stiftung ist 100-Prozent-Eigentümerin der GBI-Gruppe, bei der es sich um einen Projektentwickler handelt, der aktuell vor allem in den Bereichen Studentenwohnheime, frei ­finanziertes und gefördertes Wohnen aktiv ist. Stiftung und Unternehmen arbeiten hier Hand in Hand. So schafft es die Stiftung, auch im Niedrigzinsumfeld ausreichend hohe Erträge zu erwirtschaften, um ihren Stiftungszweck erfüllen zu können.

Erzählen Sie uns etwas zum Hintergrund ­Ihrer Stiftung, Herr Prof. Schoeps?
Professor Dr. Julius Schoeps: Die Stiftung ist nach dem Philosophen Moses Mendelssohn benannt. Mein Bruder, Dr. Manfred Schoeps, und ich haben die Stiftung 2004 gegründet. Wir sehen uns dabei in der Tradition der Moses Mendelssohn Stiftung, die 1929 in Dessau gegründet und später von den Nazis zwangsaufgelöst wurde.

Wie hoch ist das Stiftungsvermögen, und wie haben Sie es angelegt?
Das Kapital beträgt 40 Millionen Euro. Es handelt es sich bei unserer Stiftung um eine unternehmensverbundene Stiftung, ähnlich wie etwa die Bertelsmann- oder die Robert Bosch Stiftung, wenn auch in einem sehr viel kleineren Rahmen. Die Stiftung ist Eigentümerin der GBI-Unternehmensgruppe, ein Projektentwickler in den Bereichen Wohnen und Gewerbe. Dabei arbeiten wir gut Hand in Hand. Über die GBI-Gruppe bewirtschaften wir aus dem Stiftungsbereich heraus 22 Studentenwohnheime in Deutschland und Österreich mit mittlerweile 5.000 Apartments. Damit sind wir einer der größten Betreiber in diesem Bereich in Deutschland. Wir machen das zum Kostenersatz, das heißt, ohne Gewinn zu erzielen. Und das kommt den Studierenden zugute.

Wollen Sie mit der Kapitalanlage ebenfalls den Stiftungszweck unterstützen? Das heißt, betreiben Sie „Impact Investing“?
Ja, schon! Vor ein paar Jahren hieß das noch Mission Investing. Teilweise betreiben wir das selbst, und teilweise erledigt das die GBI-Gruppe für uns.

Reiner Nittka: Wir versuchen, unterneh­me­risches Handeln mit gesellschaftlichem ­Engagement zu verbinden. Unsere Intention ist dabei unter anderem die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum für Studierende. Preislich liegen unsere Studentenwohnungen etwa in der Mitte zwischen den klassischen Studentenwerken, die hoch subventioniert sind, und privat finanziertem studentischem Wohnungsbau.

Wie merken die Studierenden noch, dass sie in einem Haus der Moses Mendelssohn Stiftung wohnen, außer über die Miete?
Schoeps: Zum einen benennen wir ­jedes unserer Häuser nach einer Persönlichkeit aus der deutsch- beziehungsweise österreichisch-jüdischen Geschichte. So haben wir zum Beispiel ein Martin Buber Haus in Wien, das Franz Oppenheimer Haus in Frankfurt oder das Albrecht Mendelssohn Bartholdy Haus in Hamburg. Wir erstellen zu jeder dieser Persönlichkeiten eine kleine Biografie, die die Studenten mit dem Mietvertrag überreicht bekommen. Wir hoffen, damit Interesse oder zumindest eine Form des Gedenkens anzustoßen. Die Namensgeber sind Persönlichkeiten, die sich in der Regel gesellschaftlich eingebracht oder das deutsche Judentum mitgeprägt haben. Oppenheimer war beispielsweise der Lehrer Ludwig Erhards. Er hat unter anderem die Idee der Bodensperre entwickelt, die den Zweck hatte, Grund und Boden der Spekulation zu entziehen. Diese Idee ist gerade wieder im Kommen. An jedem unserer Häuser ist zudem der Moses-Mendelssohn-Sinnspruch „Nach Wahrheit forschen, Schönes lieben, Gutes wollen, das Beste tun. Das ist die Bestimmung des Menschen“ angebracht. Wir hoffen, dass bei den Studierenden, wenn sie dieser Aussage oft begegnen, ein Prozess des Nachdenkens einsetzt.

Vermieten Sie an eine bestimmte Gruppe von Studierenden?
Nittka: Nein, an alle! Ausländische Studierende, die ansonsten auf dem Wohnungsmarkt große Schwierigkeiten haben, machen bei uns einen Anteil von etwa 30 bis 40 Prozent aus.
Schoeps: Wir bieten auch ein Tutorenprogramm. Es beinhaltet nicht nur eine Ein­führung in die Uni, sondern auch Veranstaltungen, den Besuch von Ausstellungen und Museen sowie Programme zur Völkerverständigung. Jetzt zu Corona-Zeiten stellen wir Programme gegen die Vereinzelung und Vereinsamung auf die Beine.

Wie messen Sie den „Impact“ dessen, was Sie tun?
Das ist wirklich schwierig, denn das lässt sich nicht wie eine Immobilienrendite berechnen. Die Stiftung erhält aus den Erträgen unserer Geschäftstätigkeit eine Ausschüttung, mit der sie ihre Projekte finanziert. Aber was ist das wert? Ich erlebe oft, dass die Erwartungshaltung uns gegenüber sehr hoch ist. Manche meinen, die ­Unterkunft müsse umsonst sein, weil hinter uns eine Stiftung steht. Aber Dinge müssen etwas kosten, sonst werden sie nicht wertgeschätzt. Die Finanzierung kommt ja ­komplett aus privat erwirtschafteten Mitteln. Wir erhalten für unsere Studentenwohnungen – bis auf wenige Ausnahmen – keine staatlichen Subventionen. Letztendlich schließen wir eine Lücke im Markt; zwischen in geringerer Anzahl vorhandenen Angeboten des Studierendenwerks und teureren Angeboten der Privatwirtschaft. Zudem schaffen wir einen Mehrwert, indem wir die Erinnerungskultur ­fördern und weitertragen. Wir wollen das Gedenken aufrechterhalten und den jungen Menschen das ­Bewusstsein dafür vermitteln. Und wir wollen das Thema positiv an­gehen.

Schoeps: Was GBI und die Moses Mendelssohn Stiftung bewegen, kann wirklich nicht in Euro und Cent gemessen werden. Es ist immens viel wert, auch weil wir junge Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenbringen. Bei den Bewohnern unserer SMARTments bemühen wir uns, neue Sichtweisen auf Geschichte und Kultur zu entwickeln.

Das komplette Interview finden Sie hier.